Mären & Sagen

Blut und Name mögen zwar unterschiedlich sein, doch Märchen ändern sich nicht. Jedes Kind kennt die Geschichten. Daher folgt hier eine Auswahl bekannter Erzählungen und Märchenfiguren, die im Reich am geläufigsten sind:
Bild 1
Nornulsei, auch bekannt als Norn oder Nornu, war laut lymischen Erzählungen eine Räuberbraut, die sich in einen angesehenen Lord aus alter Familie verliebte. Sie hatte tiefrotes Haar, wie in Flammen getaucht. Man munkelt, es habe sich bei diesem Lord um einen Spross des Hauses sel' Wyhr gehandelt. Während der Jüngling keine ernsten Absichten mit Nornulsei hatte, verfiel Nornu ihm mit Leib und Seele.
 
Sie verriet ihre Bande, verließ das Lager der Gesetzlosen, um mit ihm alt zu werden. Doch sie hatte ihn missverstanden. Bald schon ertappte sie ihn dabei, wie er um die Hand einer anderen Dame warb.
 
Gebrochenen Herzens soll Nornu das Paar verflucht haben. Ihre einstigen Gefährten verstießen sie, da sie sie hintergangen hatte.
 
Von da an trug sich ihr Schicksal je nach Region verschieden zu: Manche erzählen, sie habe sich in blinder Wut an dem Paar gerächt, den Edelmann oder seine Geliebte erschlagen. Andere sprechen davon, dass sie sich von einer Klippe stürzte und den Mann mit in den Tod riss. Doch am verbreitesten ist jene Version, in der Nornulsei allein in den tiefen Wäldern verschwand und dort, von Einsamkeit verzehrt, verendete.
Diese Erzählung, eng verknüpft mit dem Wald der Nimmerfalter, gilt als eine der am häufigsten variierten Sagen. Mal ist von einem kleinen Mädchen die Rede, dann wieder von einer schönen Bauerntochter oder einer einfachen Dienerin aus dem Hause eines Lords.
 
Ebenso der Grund, weshalb sie sich in die endlosen Birkenwälder des Nordens begibt, wechselt von Version zu Version: Zuweilen heißt es, ein Esel sei ihr drei Tage in Folge entlaufen, dem sie hätte Obacht geben sollen, doch sie sei dreimal zu unachtsam gewesen. In anderen Mären ist es ein Hütehund, der sie in die Wildnis führt. Und manchmal flüstert man, sie habe sich mit einem hübschen Burschen verabredet, sei dort Unzucht nachgegangen und zur Strafe vom Wald verschluckt worden.
 
Immer jedoch endet ihre Geschichte gleich: Sie verirrt sich in dem Meer aus weißen Stämmen, verliert die Orientierung, und je tiefer sie gerät, desto mehr packt sie die Angst. Dabei trifft sie auf neun Nimmerfalter, schwarze Motten die ihr, wie Schatten, folgen. Jeder von ihnen spricht dem Mädchen etwas anderes zu, nennt Wege, spricht von Versprechungen. Die Magd, getrieben von Furcht, folgt ihren Stimmen tiefer in den Wald hinein.
 
Sie wurde nie wieder gesehen. Manche behaupten, sie würden noch heute ihre Stimme zwischen den Birken hören, wie sie mit den Motten tuschelt und versucht einen Weg hinaus aus dem Wald zu finden.
Bild 3
Gival ist ein zwergenhaftes Wesen, dem, je nach Region, Glück oder Unheil zugeschrieben wird. Man beschreibt ihn mit spitzen Ohren, einem bis zu meterlangen grauen Bart und abgetragener Lederkluft. Seinen Ursprung kann man heutzutage kaum noch ausmachen, doch bereits vor der Krönung Melvans I. warnte man Kinder vor dem schrecklichen Wesen, das jede ihrer Taten sähe.
 
Brave Kinder soll er mit schönen Träumen oder süßem Rosinenbrot belohnen, unartige Bälger hingegen bestrafen. Hier gehen die Überlieferungen auseinander: Im Norden erzählt man, Gival schneide ungezogenen Gören die Ohren ab; in den Städten an der Küste heißt es, er bringe Krankheit und schlaflose Nächte. Auf Nerymm hingegen warnt man vor seinem Jutesack, denn darin verschleppe er jene, die sich schlecht benahmen.
 
Besänftigen könne man ihn, so sagt man, nur, wenn man vor dem Schlafengehen ein Gemisch aus Kräutern (meist aus Beifuß, Johanniskraut, Holunder und Lavendel) entzündet.
Bild 4
Es ranken sich dutzende Geschichten über den Hamulii, dem zehnbeinigen Wolf. Er entspringt dem althohanischen Aberglauben und mahnt Bauern, ihr Vieh sicher zur verwahren. Doch gibt es auch Erzählungen, in denen der Hamulii unachtsame Kinder holte, die sich noch draußen aufhielten, nachdem die Sonne längst untergegangen war. Der Hamulii ist eine Sagengestalt, die um einiges größer sein soll als es für Wölfe üblich ist, doch wie groß er sein soll, darüber ist sich der Volksmund uneins.
 
Sein moosbedecktes Fell und der drahtige Leib verraten ihn ebenso wie die Tiere des Waldes. Hunde sollen in seiner Nähe jaulen und die Gegend sei verlassen von jedwedem Waldtier.
Bild 5
In den kalten Monaten erzählt man sich von einer alten Frau, gehüllt in einen grünen Umhang, mit einer flackernden Öllampe in der Hand. Sie erscheint Wanderern oder jenen, die sich verlaufen haben, und bietet ihnen freundlich ihre Hilfe an. Doch so herzlich ihr Ton, so großmütterlich ihr Lächeln, Yulguda (oder auch Yulgorda) ist eine gewiefte Gestaltenwandlerin mit bösen Absichten.
 
Sie soll in Schneestürmen oder mondlosen Nächten auftauchen und den Verirrten vieles versprechen: eine warme Bleibe für die Nacht, ein Mahl am Feuer, oder gar die Erfüllung eines Wunsches. Wer ihr folgt, so heißt es, verirrt sich entweder und erfriert oder wird zu ihrer Hütte geführt, die durch ein heimeliges Licht im Fenster lockt.
 
Dort wohnt die Yulguda mit ihrem Mann: Morgulin, einem riesenhaften Mann mit gewaltigem Bauch und unstillbarem Hunger. In alten hohanischen Sagen heißt es, er fresse alles, was ihm unter die Nase komme. So dient sein Weib dem Anlocken neuer Opfer, die Morgulin anschließend in einem gigantischen Kessel kocht und verspeist. 
 
Der einzige Weg, seinem Schicksal zu entgehen, ist, Morgulin auszutricksen. Er gilt als unbedarft und einfältig. Verspricht man ihm, bessere Speisen zu besorgen, lässt er einen angeblich ziehen, sofern sein Weib nicht in der Nähe ist. Denn das Heim selbst kann er nicht verlassen.
 
Solche Geschichten sollen Kinder davor warnen, Fremden zu vertrauen und lehren, sich mit dem zufrieden zu geben, was man besitzt. Dennoch gibt es solche, die steif und fest behaupten, sie hätten Yulguda gesehen: Eine alte Frau mit einsamen Licht, allein im Schnee.
Bild 6
Der Snagger, bekannt aus der lymischen Folklore, ist ein koboldartiges Fabelwesen, das mit der Größe einer Ratte vergleichbar ist. Je nach Überlieferung spricht man den blauen Nachtgestalten eine gutmütige oder boshafte Gesinnung zu. Nachts, wenn Bub und Mädel im Bette liegen, schleichen Snaggere in die Kammern der Schlafenden und klammern sich an deren Füße. Sie nähren sich von der Wärme der Lebenden. Besonders in kalten Nächten sollen viele von ihnen geplagt werden.
 
Sie gelten als Ursache für frierende Zehen, für Abträume und düstere Gedanken. Andere wiederum behaupten, sie brächten Glück, wenn man sie gewähren lasse. Allgemein heißt es, sie seien überaus scheu und versteckten sich vor jenen, die zu wachsam sind. Wer sich schützen will, so sagt man, der soll Türen und Fenster schließen, noch ehe er zur Ruh’ geht.